24.02.2017

  • 11. Europäische Konsensuskonferenz der EFP in Garanja/Spanien

Der deutsche Vertreter ist Prof. Dr. Jepsen. Man muß sich vor Augen halten, dass die meisten teilnehmenden Länder (alle Mitglieder der  European Federation of Periodontology (EFP)) Dentalhygienikerinnen in größerer Anzahl haben. Eins der wenigen Länder, die meist mit zahnmedizinischen Prophylaxeassistentinnen (ZMP), also nicht für echte Parodontitisbehandlung ausgebildetes Hilfspersonal, arbeiten ist Deutschland. Das heißt wiederum, dass Deutschland fast keine Chance hat, die von der EFP beschlossenen Grundsätzen auch nur ansatzweise durchzuziehen!  Den Mut, als ein Land, dass die Parodontitis in sich konsequent so vernachlässigt, die größte Delegation zu stellen, den bewundere ich!

A.  Parodontale Screeninguntersuchungen sollten konsequent bei allen Patienten durchgeführt werden, um eine Stratifizierung in gesund, Gingivitis (periimplantäre Mukositis), Parodontitis (Periimplantitis) zu ermöglichen.

Es wird -um der Parodontitis ein wenig Herr zu werden- bei der EFP ein parodontales Screening (also Untersuchung) bei allen Patienten angedacht. Man benötigt schon Mut als deutscher Zahnarzt sich bei der EFP zu beteiligen:

  1. man arbeitet größtenteils mit Hilfskräften (ZMP und ZMF), die ein parodontales Screening, also Untersuchungen mit der Parodontalsonde und ev. Röntgenbilder gar nicht durchführen dürfen.
  2. Der BARMER Zahnreport für 2017 zeigt, dass in Deutschland nur 25 Prozent der Parodontitisfälle überhaupt diagnostiziert werden. Ein gewichtiges Wort redet hier auch die kassenzahnärztliche Vereinigung mit. Seit Jahren hält sie die Zahl der Behandlungsfälle konsequent unter einer Million Fälle pro Jahr. Jeder Zahnarzt der versucht, mehr Parodontitisfälle in seiner Praxis zu behandeln als der lokalen Durchschnitt wird hart sanktioniert! 

B. Professionelle präventive Maßnahmen sollten personalisiert und an der individuellen Diagnose, den Bedürfnissen, der Einstellung und den Risikofaktoren des Patienten ausgerichtet sein.

Das klingt recht wissenschaftlich auf den ersten Blick. Zu dieser Konferenz sind ja auch nur Zahnärzte eingeladen. Ein Großteil der deutschen Delegation hat sehr wahrscheinlich niemals mit einer Dentalhygienikerin zusammengearbeitet. Eine Dentalhygienikerin ist ja eine Stunde lang mit dem Patienten zusammen und kann den obigen Forderungen leicht entgegenkommen.

C. Eine professionelle mechanische Plaqueentfernung ist als alleinige präventive Maßnahme unangebracht, da eine Patientenaufklärung und insbesondere dessen Verhaltensänderung zur dauerhaften Verbesserung des Gesundheitszustands unabdingbar sind.

Einen solchen im Grunde selbstverständlichen, nahezu banalen Satz vermute ich als einen Konsensus-Satz. Eine dentalhygienikerin beginnt nach der Begrüßung und der Platzierung des Patienten sofort eine 40 minütiges Frage- und Antwort-Spiel. Schon während sie den Parodontalstatus aufnimmt, will sie vieles vom Patienten von der letzten Behandlung bis zum jetzigen Zeitpunkt erfahrten.

D. Professionelle präventive Maßnahmen allein sind bei Patienten mit Parodontitis oder Periimplantitis unangemessen, da eine aktive Therapie der Erkrankung erforderlich ist.

Hier geht es wohl um die Hygienephase, also die erste Phase eines Parodontitispatienten. Wieder recht schwammig ausgedrückt. Verschiedene Länder legen solche Sätze sehr wahrscheinlich unterschiedlich aus. Einige länder mit Dentalhygienikerin werden mit ihr eng zusammenarbeiten, andere Länder ohne diese professionelle Hilfe zicken wahrscheinlich rum. Deutschland behandelt nach dem BARMER Zahnreport 2017 nur 1,8 Prozent der Parodontitispatienten! Toll!

E. Die Kontrolle/Modifikation von Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes sind integraler Bestandteil der primären und der sekundären Prävention bei Parodontitis.

Dieses ewige Festhalten an Risikofaktoren als Ausschluß einer Behandlung erscheint nicht immer zeitgemäß. Ich treffe im Urlaub einen Schweizer, der im Vorruhestand mit wenig Geld, also eher nach deutschem Verhältnis Hartz IV ist.. Er hat eine Abmachung mit der ihn zahlenden Behörde, dass er viermal im Jahr zur Dentalhygienikerin geht. Trotz Rauchen. Zum Erhalt einer ihm bezahlten Stahlplatte mit Ankern. Diese Verwirrspiel mit sekundärer, tertiärer Prävention, mit unterstützender Parodontitis Therapie (UPT) und mit Phase-3-Therapie (PET) erscheint mir nicht zielführend. Es könnte in Deutschland deutlich einfacher sein, wenn man den internationalen Weg eingeschlagen hätte und nicht gefangen wäre in diesem Kuddelmuddel von Ausbildungen Und vor allem, wenn man sich der modernen Zahnmedizin nicht weiter verschließen würde!

F. Eine gingivale (mukosale) Blutung ist der Hauptrisikofaktor für die Entstehung und das Voranschreiten der Parodontitis (Periimplantitis) und das erste Krankheitsanzeichen und sollte Anlass zu einer professionellen Diagnostik sein.

Wenn man mehr screenen würde (nur 25% werden erfasst!), dann wär der obere Satz eine Selbstverständlichkeit. Ein Teil der hier gefassten Grundsätze sind wohl für die „kranken“ Länder Deutschland, Österreich und Frankreich gemacht worden. „Krank“ weil sie nur sehr wenig gegen die Parodontitis tun. Alle anderen Länder haben die Dentalhygienikerin als Diplom oder Bachelor.

G. Die sekundäre Prävention der Parodontitis soll dem Wiederauftreten der Erkrankung bei bereits behandelten Patienten vorbeugen und ist Voraussetzung für einen Langzeiterfolg. Patienten sollten erst dann an einem sekundären Präventionsprogramm teilnehmen, wenn die aktive Therapie erfolgreich beendet wurde. Mit validierte Instrumenten zur Risikoerfassung kann das Risiko für eine Krankheitsprogression bestimmt werden.

Wenn man schon das Wort „sollen“ hört, dann weiß man, dass dahinter nur leere Worthülsen kommen: Barmer Zahnreport 2017 und keine staatliche Zulassung der Dentalhygienikerin!

H. Dem Aufruf der Konsensuskonferenz, diese Erkenntnisse und Empfehlungen, angepasst an die jeweiligen nationalen Gesundheitssysteme, im Rahmen von Präventionsprogrammen zu implementieren, ist die deutsche Bundeszahnärztekammer (Prof. Dr. Dietmar Oesterreich) bereits im ver- gangenen Jahr mit ihrer – auch von der DGPARO unterstützten – Initiative zur „Prävention der Parodontitis in Deutschland“ zuvorgekommen. Als Experten wurden Prof. Dr. Renate Deinzer, Gießen, und Prof. Dr. Søren Jepsen, Bonn, bestellt. Noch in diesem Jahr soll das Konzept vorgestellt werden. Die aktuellen Ergebnisse der Konsensuskonferenz bieten dafür eine hervorragende Grundlage.

Die Initiative „Prävention der Parodontitis in Deutschland“ hat eindeutig den falschen Titel! Diese Initiative vernachlässigt völlig die 16 Millionen bereits vorhandenen Patienten! Erst wenn man sie nahezu alle in Behandlung hätte, erst dann sollte man sich Zeit nehmen und über eine Prävention nachdenken.