Parodontitis- Nachsorge

Vorwort.
Die Parodontitis ist eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit der Zähne und des Zahnhalteapparates. Die Bakterien schützen sich in den im Laufe der Jahre tiefer werdenden Taschen durch einen BIOFILM. Die weltweit erprobte Methode zur dauerhaften Kontrolle der Infektion ist die zeitlich sich wiederholende mechanische Reinigung dieser Taschen. Die verursachenden Bakterien lassen sich nicht gänzlich beseitigen. Mit einer Erstbehandlung durch den Zahnarzt bzw. seinPersonal und eine nachfolgende regelmäßige Nachsorge (Recall oder UPT) kann die Krankheit über Jahrzehnte sehr gut beherrscht werden.

Die Dentalhygienikerin wird genau auf diese Nachsorge hin ausgebildet. In vielen Staaten wird der Beruf daher staatlich anerkannt und gefördert. Im Normalfall bedingt die Ausbildung das Abitur, den Abschluss der High School oder die Matura. Ein sechs semestriges Studium mit viel Praxis baut darauf auf. Fertig ausgebildet kommt die Dentalhygienikerin in eine niedergelassene Praxis. Sie kann dort nach Schweizer Vorbild (als Beispiel) den Zahnarzt in der Hygienephase, der nicht-chirurgischen – und der chirurgischen Phase unterstützen. Die Nachsorge (auch „Recall“ oder „UPT“) genannt, ist allerdings ihr Hauptarbeitsgebiet.

Abkürzungen
Kratzen    modern (?) für Reinigung von Zähnen (nach Prof. Dr. Christoph Benz) Frage: supra- oder subgingival oder etwa Beides?
KZV          16 Kassenzahnärztliche Vereinigungen in 16 Ländern
KZBV        Kassenzahnärztliche Bundes Vereinigung
BZAEK     Bundeszahnärztekammer
ZFA           zahnärztliche Fachangestellte (früher „Helferin“)
ZMF          zahnmedizinische Fachassistentin
ZMP          zahnmedizinische Prophylaxeassistentin
Dentalhygienikerin    (auch „DH“ abgekürzt. 1913 entstand die erste Schule in Bridgeport/USA.
Parodontalsonde        Instrument mit Millimetereinteilung zur Messung von Taschentiefen an Zähnen
BGParo        Berliner Gesellschaft für Parodontologie
IQWIG         Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen
G-BA             Gemeinsamer Bundes Ausschuss
Prävention  Verhinderung der Entstehung einer Parodontitis durch regelmäßige „professionelle Zahnreinigung (PZR)“ durch Hilfskräfte ZMP/ZMF oder Dentalhygienikerin.
Nachsorge    nach einer ersten Behandlung einer leichten/mittleren oder schweren Parodontitis durch den Zahnarzt ev. mit Hilfe der Dentalhygienikerin muss eine regelmäßige supra- und subgingivale Nachsorge (Recall oder UPT) durch die Dentalhygienikerin erfolgen.
UPT                unterstützende Parodontitis Therapie. Wird in Deutschland anstatt „Recall“ verwandt.
Recall           das ursprüngliche Bestellsystem der Dentalhygienikerinnen im Zusammenhang mit der Nachsorge.

 

Inhalt
Die Parodontitis-Nachsorge. 1
Vorwort. 2
Abkürzungen 3
A. Parodontitis und viele Fragezeichen. 5
B. Parodontitis und Darstellung durch die zahnärztlichen Politik. 5
C. Ein neues Konzept der KZBV 7
a. das G-BA: 7
b. der BARMER Zahnreport 2017: 8
c. Fazit: Aktionismus von Seiten der Politik ist die Antwort. 8
D. Was liegt in Deutschland im Argen? 9
a. Universität 9
b. Der niedergelassene Zahnarzt. 10
c. Eine deutsche Spezialität: Das Wirtschaftlichkeitsverfahren! 10
d. Die zahnärztliche Politik und die Dentalhygienikerin: 11
E. Parodontitis und die chronischen Erkrankungen 12
a. Die chronischen Krankheiten des Menschen. 12
b. Bakterienschwemme über Jahrzehnte: 13
c. vor Ort im Munde. 13
d. Abhilfe im oralen Bereich 13
e. Wer macht es? 13
f. Interesse der Zahnärzte? 13
g.Fazit: 14
F. Warum die Dentalhygienikerin? 14
G. Fazit: 15
Literatur 16

A. Parodontitis und viele Fragezeichen.
Berichte über die Bedeutung der Parodontitis im Leben eines Patienten und die Behandlung derselben werden zahlreicher.
Als Beispiele mögen folgende Punkte dienen:
1. Seit 2011/2012 mahnt Prof. Dr. Peter Eickholz1 C mit anderen eine Verbesserung der deutschen Zahnmedizin an. Er errechnet bis zu 12 Millionen an Parodontitis Erkrankte.
2. Prof. Dr. Dörfer, zeigt 2017 erstmals in einer „Apothekenumschau 10/ 2017“ umfangreich, welche Gefahren dem menschlichen Körper durch die Parodontitis drohen.
3. Das Einsetzen von Implantaten zum Ersatz der durch die Parodontitis verloren gegangenen Zähne hat in Deutschland stark zugenommen.
Schon vor Jahren schätzen Prof. Dr. Jörg Meyle2 D und andere die Zahl der jährlich gesetzten Implantate auf 2 Millionen.
Prof. Dr. Peter Eickholz sagt auf einem Vortrag 2015 bei der BGP, dass etwa 63% der Implantate an Parodontitis (Mukositis und Periimplantitis) entzündet sind.
Also kann man zu den 12 Millionen an ihren eigenen Zähnen erkrankten Patienten noch etwa 8,8 Millionen entzündete Implantate (nicht Patienten!) hinzurechnen.

B. Parodontitis und Darstellung durch die zahnärztlichen Politik.
Im Gegensatz zu den deutschen Wissenschaftlern halten die Oberen der Bundeszahnärztekammer (BZAEK) die Aufstellung der Zahnärzteschaft bei der Behandlung der Parodontitis für völlig in Ordnung. Den wie in anderen Länder selbstständigen Beruf der Dentalhygienikerin betrachtet man eher als bedrohlich, denn als Hilfe. Seit vielen Jahren ist der Widerstand gegen die freie, universitär ausgebildete Dentalhygienikerin ungebrochen:

a. Sie prangern die Dentalhygienikerin als „Zahnarzt light“E an. Dadurch werden bei den Kollegen Befürchtungen vor Konkurrenz geweckt. Es wird wieder und wieder auf die Prävention (Vorbeugung) einer Parodontitis (hauptsächlich bei noch gesunden Jugendlichen!3) hingewiesen. Dafür reichen die 15000 ZMP und ZMF möglicherweise aus. Aber wo bleibt die Nachsorge von Millionen an Parodontitis erkrankten Patienten?

b. In einem Artikel “Zahnmedizin groß denken“ 4 F versucht der Interviewte über das Erwähnen von Zahlen (211 000 ZFA und Azubis, 15 000 ZMP/ZMF und 870 Dentalhygienikerinnen) klar zu machen
dass „wir in Deutschland im Gegensatz zu den Niederlanden und Dänemark nicht so von der Dentalhygienikerin abhängig sind.“
Allerdings haben die ersten zweihundert Tausend „(früher) Helferinnen“ jetzt ZFA und Azubis mit der Behandlung einer Parodontitis rein nichts zu tun. Und die unter Tausend Dentalhygienikerinnen sind rein von der Zahl her absolut nicht in der Lage, zwölf und mehr Millionen Patienten in der notwendigen Nachsorge (Recall oder UPT) zu behandeln.

c. 2015 erscheint ein Artikel „ Eigenständiges Berufsbild Dentalhygienikerin?“5 G
Er befürchtet bei einem eigenen Berufsbild mit Bachelorisierung der Dentalhygienikerin folgendes:
(Zitat) Was heißt es für uns (Zahnärzte), wenn die DH (Kürzel) als eigenständiges Berufsbild daherkommt? Die Hoheit über die Aufstiegsfortbildung durch die Zahnärztekammern geht komplett verloren, damit auch der Patientenschutz (? durch den Autor)……….. Stellt sich die abschließende Frage: Wollen wir das? Ich jedenfalls nicht. (Zitat Ende).

d. 2016 erklärt Prof. Dr. Dietmar Oesterreich6 H :
(Zitat) Die BZAEK hat bereits 2005 (vor 13 Jahren; der Autor) die Voraussetzungen für eine verkürzte Aus- und Fortbildung DH 7(unterstrichen durch den Autor) für besonders qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber geschaffen (Zitat Ende).
(Anderes Zitat in diesem Artikel) Bei der Frage der Delegation bedarf es klarer Grenzziehungen im Sinne des Patientenschutzes (Zitat Ende).
Nichtbehandlung von zwölf Millionen und mehr Patienten dient dem Patientenschutz?
(anderes Zitat) Daran arbeiten wir, immer unter der Prämisse: Delegation – Ja, Substitution – nein (Zitat Ende).
Aber nach dem BARMER Zahnreport 2017 behandeln 98,2 Prozent der deutschen Zahnärzte keine Parodontitis. Die Zahnärzte wollen aber nicht zulassen, dass die Dentalhygienikerin subgingival, also in der Tiefe der Zahnfleischtaschen, ihr gutes Werk tut.

e. Prof. Dr. Christoph Benz8 I, im Vorstand der BZAEK, droht den Kollegen mit finanziellen Einbußen bei Entstehung eines zahlenmäßigen höheren Bestandes an Dentalhygienikerinnen.

f. Recht neu propagiert man in deutschen zahnärztlichen Zeitschriften die Parodontitis als „stille Volkskrankheit“. Ärzte wissen, dass die meisten chronischen Erkrankungen des Menschen lange Jahre symptomlos verlaufen, bis sie vom Patienten oder Arzt bemerkt werden. Das Wort „Volkskrankheit“ beinhaltet eine gewisse Resignation vor dieser Erkrankung.

g. Von den Schwächen des eigenen Systems versucht man in der Berufspolitik selbstverständlich abzulenken: So wird die fehlende Nachsorgenachfrage der Patienten als „Complianceabriß“9 bezeichnet. Eine Ursache könnte auch in der Nichttransparenz der meist privat zu bezahlenden zahlreichen Therapieangebote liegen.

h. Prof. Dr. Walther drückt sich bei der Vorstellung des BARMER Zahnreports 2017 vornehm aus: Seine Aussage über „vielfältige Therapiekonzepte“10 in Deutschland heißt im Grunde:
es gibt kein einheitliches Konzept für eine „systematische Behandlung der Parodontitis in Deutschland!

C. Ein neues Konzept der KZBV.
Wie ist es dazu gekommen?

a. Das G-BA:
Ein Patientenvertreter fordert 2015 eine neue „Methodenbewertung der systematischen Behandlung der Parodontitis“ beim Gemeinsamen Bundesauschuss in Berlin ein. Dieses Gremium besteht aus den „Leistungserbringern“, also den Zahnärzten (und den Ärzten), den Zahlern, also den gesetzlichen Krankenkassen und den Vertretern verschiedener Verbände, die die Öffentlichkeit, sprich die Patienten vertreten. Diesem G-BA ist das „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG)“ angeschlossen. Dieses unterstützt den G-BA durch Analyse der in der wissenschaftlichen Welt vorhandenen Antworten.
Als der Vorbericht des IQWIG im Frühjahr 2017 erscheint, herrscht in der zahnärztlichen Welt große Empörung. Das Institut hat sämtliche vorherrschenden Therapien der Behandlung der Parodontitis als nicht wissenschaftlich abgesichert dargestellt. Einzig das altbekannte durch Dentalhygienikerinnen durchgeführte „scaling and root planing (SRP)“ ist wissenschaftlich abgesichert.
Hier spielt die Analysetechnik des IQWIG eine wichtige Rolle. Im Grunde akzeptiert dieses Institut nur „Randomized Controlled Trials (RCT)“. Das ist die höchste und wissenschaftlichste Form der Analyse einer in der Wissenschaft aufgetauchten Frage.
Am meisten erregt es die Kommentatoren, dass auch neue moderne Methoden in der Therapie durchgefallen sind. Methoden, die es zum Teil nur gibt, weil wir kein wirkliches Konzept mit dem Einsatz von reichlich vorhandenen Dentalhygienikerinnen in Deutschland haben. Da diese in der Praxis weltweit bewährte Hilfe bei uns nicht greift, weil nur minim vorhanden (keine staatliche Berufsanerkennung, kein freier Markt, keine international anerkannte Hochschulausbildung), hat sich in den letzten Jahren eine Verlagerung aller Therapieformen hin zum Zahnarzt ergeben. Die Industrie hat daher verschiedene neue Geräte/Methoden und Applikationen von Antibiotika entwickelt Die Kassen stehen dieser Entwicklung zögerlich entgegen. Den Zahnärzten ist es genehm, weil diese neuen Behandlungen privat vom Patienten liquidiert werden können: Laser, photodynamische Therapie, lokale Taschenanwendungen mit Antibiotika usw.

Für die Zahnärzte ist die Situation durch den Vorbericht des IQWIG 2017 ein wenig unglücklich: wenn das IQWIG Methoden nicht anerkennt, dann werden die Kosten auch nicht von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden. Für die Zahnärzte wäre das Übernehmen von neuen Methoden als Kassenleistung angenehm.

Aber: Die vielfältigen Konzepte der jetzigen Parodontitistherapie würden noch weiter aufgefächert, die „systematischen Behandlung der Parodontitis“ würde noch mehr in Richtung Behandler „Zahnarzt“ gehen. Möglicherweise würde auch mehr Parodontitis behandelt. Die KZBV würde vielleicht auch die Kriterien für „Wirtschaftlichkeitsverfahren“ vor der KZV lockern.

b. Der BARMER Zahnreport 2017:

In diese Situation hinein veröffentlicht die BARMER Ersatzkasse ihren Zahnreport 2017.
1. Dieser zeigt auf, dass im Durchschnitt in Deutschland nur 25,25 Prozent der deutschen Zahnärzte überhaupt die Diagnose „Parodontitis“ stellen.
2. Der Therapie einer Parodontitis widmen sich, das überrascht viele, nur 1,8 Prozent. Für die vielleicht 15-20 Millionen Patienten ist das ein niederschmetterndes Ergebnis.
Im Umkehrschluss heißt das doch, dass
a. Dreiviertel der deutschen Zahnärzte der Parodontitis keine Aufmerksamkeit widmen. Und
b. noch problematischer, dass 98,2 Prozent keine Therapie in ihrer Praxis durchführen.
Kann es auch bedeuten, dass unbewusst viele Implantate bei mit Parodontitis bereits erkrankten Patienten eingesetzt werden? Die hohe Erkrankungsrate von Implantaten an Periimplantitis von 63 Prozent11 könnte das vermuten lassen.

c. Fazit: Aktionismus von Seiten der Politik ist die Antwort.

KZBV, BZAEK, zahnärztliche Verbände erarbeiten ein modernes Konzept.
Was ist neu?
Die bisherigen „vielfältigen“ Konzepte werden erweitert durch drei von den Kassen zu bezahlende „ärztliche Gespräche“.
Gleichzeitig erscheinen Artikel in den eigenen Zeitschriften, die die Kassen attackieren12:
(Zitat aus dem Leitartikel auf Seite 3) Längst hat die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung erkannt, dass der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen im Bereich der Prävention und Nachsorge völlig veraltet ist. Wesentliche Bausteine einer präventionsbasierten Versorgungsstrecke fehlen. Es bedarf eines modernen Versorgungskonzeptes auf der Höhe der Zeit. Denn im Gegensatz zur Karies steht im Bereich der Parodontitis der Turnaround zur präventionsorientierten Zahnheilkunde noch bevor (Zitat Ende).
Hierzu folgendes: Im Leitartikel wird nur die Prävention erwähnt. Vorbeugung oder Prävention betrifft überwiegend Jugendliche, die parodontal eher gesund sind!

Im nachfolgenden Text auf Seite 10 wird dann auch auf die Nachsorge eingegangen. Sie wird hier als unterstützende Parodontitistherapie (UPT) erwähnt. Aber auch hier wird die Spezialistin für erkrankte Patienten, die Dentalhygienikerin, mit keinem Wort erwähnt.
Von Prof. Dr. Michael Walther wird den Patienten bei der Vorstellung des für die Zahnärzte vernichtenden BARMER Zahnreports 2017 vorgeworfen, nicht jährlich zur Kontrolluntersuchung zu gehen. So verdopple der Patient sein Risiko, Zähne zu verlieren! Aber dass nur ein Viertel der Zahnärzte Parodontitis überhaupt diagnostiziert: kein Wort!

Ein weiteres die vielen kranken Patienten eher ratlos zurücklassendes Zitat aus dem besagten Artikel:
(Zitat) Parodontitis kann durch regelmäßige Prophylaxe beim Zahnarzt und mundgesundes Verhalten in den meisten Fällen vermieden und eine bestehende Erkrankung in ihrer Verlaufsform wesentlich abgemildert werden (Zitat Ende).
Also gibt es weiter keine „systematische Therapie der Parodontitis“ für die Kranken.
Aber der Zahnarzt kann dann bald drei ärztliche Gespräche zusätzlich abrechnen.
In jeder einstündigen Behandlung einer Dentalhygienikerin ist die Möglichkeit von Informationsaustausch im Sinne einer positiven Compliance viel besser aufgehoben.
Für die Nachsorge (Recall oder UPT) gibt es keinerlei neue Antwort: Wer sie wann macht!

Ein wenig Neues gibt es allerdings.
In diesem Artikel wird die „unterstützende Parodontitis Therapie (UPT)“ beschrieben. Mit einer (Zitat) „erneuten vollständigen supra- und subgingivalen Reinigung aller Zähne von anhaftenden Biofilmen und Belägen (Zitat Ende ).
Dr. Wolfgang Eßer, der Vorstand der KZBV, erwähnt ebenfalls zu diesem Thema in der der PlaqueNCare 11; 1; 33-41 (2017) die Durchführung der Nachsorge (Recall oder UPT):

• Kontrolle der individuellen Mundhygiene (Plaque- und Entzündungsindex)• Mundhygienemotivation und -instruktion
• mindestens einmal pro Jahr PAR-Status • erneute vollständige supra- und subgingivale Reinigung aller Zähne von anhaftenden Biofilmen und Belägen • subgingivale Instrumentierung an Zähnen mit ST = 4 mm und Bluten auf Sondieren (BOP) und alle Stellen mit
ST ≥5 mm.

Zum ersten Mal wird hier von einem der oberen Politiker der Zahnärzteschaft richtig „klare Kante“ gezeigt.
Und er stellt sich damit gegen die von der BZAEK herausgegebenen „Richtlinien zur „systematischen Behandlung der Parodontitis“.
Trotz ständiger Anpassung heißt es dort über die Nachsorge:
Eine Nachsorge sei nur zu leisten, „falls (sie; der Autor) notwendig“ wäre und auch nur bei „ einzelnen Parodontien“.
Das aber ist für Parodontitis behandelnde Kollegen ein Freibrief zur fehlerhaften Behandlung. An anderer Stelle wird sogar die fehlende subgingivale Taschenreinigung durch die vorhandenen Hilfskräfte wie ZMP oder ZMF durch die Worte, dass nur die „erreichbaren Beläge“ entfernt werden müssen, entschuldigt. Denn in unserem Land gibt es kaum Dentalhygienikerinnen, die zur Säuberung der tiefsten Taschen ausgebildet worden sind.

D. Was liegt in Deutschland im Argen?

a. Universität:
Niedergelassenen Kollegen werden während ihres Studiums über die Parodontitis zu wenig auf die Realität in den Praxen vorbereitet (Eickholz; 2011 und 2012). Die deutschen Praxen sind mit der Behandlung dieser „Volkskrankheit“ schon allein durch den zu erbringenden Zeitaufwand überfordert. Eine „systematische Behandlung der Parodontitis“ erfordert nicht nur eine erst- und einmalige Behandlung durch den Zahnarzt, sondern eine lebenslange regelmäßige Betreuung durch die Praxis. Die „professionellen Zahn Reinigung (PZR)“13 ist dazu keinesfalls geeignet!
Die niedergelassenen Kollegen sind auch bei guter Vorbereitung als Zahnärzte, in ihren Praxen rein vom Personal her, einschließlich Ihnen selber, überfordert. Daher auch die offensichtliche
prozentuale Differenz zwischen Diagnostik und Therapie (BARMER Zahnreport 2017). Das Erkennen einer Parodontitis ist das Eine, diese Krankheit aber in ihren verschiedenen Stadien zu behandeln und den erreichten Erfolg dauerhaft aufrecht zu erhalten, das ist das Andere. Die Behandlung der Parodontitis muss systematisch innerhalb der Praxis erfolgen: das erfordert Planung, die Praxis muss personalmäßig richtig, also mit Dentalhygienikerin, aufgestellt sein, der Zahnarzt muss delegieren können und wollen. Und er muss das richtige Gehalt für eine gut ausgebildete Dentalhygienikerin bezahlen.
All das aber lernen die Studenten nicht an der Universität.
Wie wichtig wird an einer Universität die Parodontitis genommen, wenn z.B. wie in Freiburg sechs Professoren für die Karies leben und arbeiten und nur eine Professorin für die Parodontitis vorhanden ist?

b. Der niedergelassene Zahnarzt.

Vom Zahnarzt wird heute eine Vielzahl von Tätigkeiten gefordert:
a. Prävention (Vorbeugung) von Karies und Parodontitis durch Gespräche und durch die „PZR“ mittels ZMP /ZMF.
b. Füllungstherapie in all ihren Varianten: Kunststoff, Keramik und Gold.
c. Endodontie: also die Behandlung von Wurzelkanälen in ihrer extremen Vielfalt (Mikroskop).
d. Die Chirurgie vom Extrahieren eines Zahnes bis zur komplexen Versorgungschirurgie mit künstlichem Knochen und Membrantechnik und
e. nicht zuletzt das große Gebiet der Prothetik von der ¾ Krone, Krone oder Brücke aus Metall oder Keramik über die verschiedenen Kunststoffprothesen bis zum Implantat.

Dazu noch ein nach Hunderttausenden Patienten zählendes Nachsorgekonzept zu etablieren und durchzuziehen, dafür reicht das in Deutschland vorhandene Personal einfach nicht aus.
Leider bringt das neue Konzept der kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) keinerlei Besserung. Im Gegenteil, das von der KZBV vorgeschlagene Modell des dreimaligen „ärztlichen Gesprächs“ vom Zahnarzt mit einem Patienten, kann die zeitlich angespannte Lage einer Praxis auch verschlechtern. Und der tätigen Nachsorge (Recall oder UPT) hilft es auch kaum.
Andere Länder regeln das deutlich effizienter für die Gesundheit ihrer Bevölkerung. Große Teile der sich stetig wiederholenden Therapie (Nachsorge (Recall oder UPT)) werden an die Dentalhygienikerin ausgegliedert14. Das Zusammenspiel zwischen der nur für die „systematischen Behandlung der Parodontitis“ ausgebildeten „Dentalhygienikerin“ und ihres Chefs des Zahnarztes ist ein logisches und von der Quantität der gerade in Deutschland notwendigen Behandlungsstunden her richtige Lösung.

c. Eine deutsche Spezialität: Das Wirtschaftlichkeitsverfahren!
Die niedergelassenen Kollegen, die sich aus Interesse der Parodontitis zuwenden, erleben eine besondere Überraschung. Man könnte ja annehmen, dass die zahnmedizinische Politik froh ist, wenn ein Kollege aus welchen Gründen auch immer (DMS IV und V in 2006 und 2016) vermehrt Patienten mit Parodontitis pro Jahr behandelt. Doch weit gefehlt.
Jedes Quartal erhält jeder niedergelassene Zahnarzt einen Ausdruck seiner mit der kassenzahnärztlichen Vereinigung (16 verschiedene KZV in 16 Ländern) abgerechneten Leistungen. Also welche Zähne er gezogen hat, welche Spritzen er gesetzt hat, welche Löcher mit Füllungen versehen wurden. Auch jede Behandlung der Parodontitis über die gesetzlichen Kassen wird so aufgelistet.
Diese Leistungen werden dann verglichen mit dem Durchschnitt der örtlichen Kollegen, also zum Beispiel mit den Kollegen in München. Abweichungen von den Kollegen werden in Prozent dargestellt.
Kollegen, die sich der „systematischen Behandlung der Parodontitis“ zuwenden, fallen durch ihre über dem Durchschnitt liegenden abgerechneten Leistungen schnell auf. Die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen haben dann ein fein abgestimmtes System mit den „Abweichlern“ umzugehen. Wenn der Kollege weiter auffällig ist, dann wird er gebeten, nachzuweisen, warum er besonders viel Parodontitis in seiner Praxis behandelt. Er muss unter Umständen dann drei Fälle aus seiner Praxis dokumentieren, einschließlich aller von ihm gemachten Unterlagen. Dann darf er diese Fälle in seiner kassenzahnärztlichen Vereinigung bei drei Kollegen vorstellen und verteidigen. Das ist zeitlich aufwendig und das Ergebnis ist unklar. Wenn man dem BARMER Zahnreport2017 (1,8 Prozent Therapien) folgt, dann kann der einbestellte Kollege auch auf Mitkollegen treffen, die keine systematische Behandlung der Parodontitis betreiben.
Prof. Dr. Peter Eickholz beschreibt schon 2011 einen solchen Fall. Auch eine Kollegin, die in Münster ihre Spezialausbildung zur Parodontologin gemacht hat, entkommt diesem System nicht. Sie wird vor ihre KZV geladen. Ein KZV-Funktionär gibt ihr den „guten“ Rat: Warum müssen sie ihre Parodontalsonde15 in so viele Taschen oder Patienten stecken? Dann hätten sie auch nicht so viele Fälle.
Da braucht man nicht weiter zu fragen, warum seit Jahren, die Anzahl abgerechneter Parodontitisbehandlungen in Deutschland unter einer Million bleibt. Es kann vorkommen, dass Zahlungsaufforderungen der KZV auch die Rente eines Zahnarztes schmälern.

d. Die zahnärztliche Politik und die Dentalhygienikerin:
Zusätzlich werden die niedergelassenen Kollegen rein politisch durch das Aufbauen von Vorurteilen und Existenzängsten16 negativ beeinflusst: die zur allumfassenden Behandlung der Parodontitis dringend benötigte „Dentalhygienikerin“ wird in Deutschland nicht als Beruf anerkannt.
Deutschland hat hier einen einmaligen eigenen Weg eingeschlagen. Während weltweit das Abitur als Voraussetzung für ein 3 Jähriges Studium17 (zum Beispiel die EU; 180 ECTS) verlangt wird, hat die Bundeszahnärztekammer eine Fortbildungssystem installiert, in dem aus zahnmedizinischen Fachangestellten (meist mit Grundschule; früher: Helferin) über eine komplizierte, weil viel Zeit und Geld verschlingende Fortbildung auch eine Dentalhygienikerin entstehen kann. Auf den ersten Blick sieht das gut aus.
Aber:
a. Leider beteiligen sich nur wenige der 16 Länder an dieser Ausbildung!
b. Die fortbildungswilligen Frauen bleiben während ihrer Ausbildung in ihren Praxen und ihre psychologische und moralische Abhängigkeit von den Chefs ist groß. Das kann auch Kompromisse im Umfeld einer Therapie von Patienten bedeuten.
c. Die BZAEK bestimmt, wo es langgeht: Seit Jahren bleibt die Anzahl der Dentalhygienikerinnen in Deutschland unter eintausend.
d. Im Verhältnis zum freien Markt mit Bachelorausbildung sind die Kosten ähnlich, aber die Gehälter sind entscheidend kleiner: eine deutsche Dentalhygienikerin verdient etwa bis
35 000 Euro pro Jahr. International verdient man etwa 50 000 Euro und mehr.
e. Das Spezial- Wissen für eine umfassende „systematische Behandlung der Parodontitis“ ist in den letzten Jahren gerade in der Nachsorge mehr geworden. So erscheint es wünschenswert, das Abitur als Ausgang für ein Bachelorstudium vorzusehen.

E. Parodontitis und die chronischen Erkrankungen

a. Die chronischen Krankheiten des Menschen.

Nach Dewshirst (2015)J hat der Mensch ca. 706 Bakterienarten im Mund.
Diese teilen sich alle 20 Minuten. Es ist nicht möglich oder wünschenswert, den Mund bakterienfrei zu machen. Aber durch regelmäßige supra- und subgingivale Reinigung des Mundes nach vorausgegangener Erstbehandlung einer Parodontitis durch den Zahnarzt, kann man die Anzahl der den Menschen gesundheitlich belastenden/ schädigenden Bakterien sehr reduzieren.
Es geht dabei nicht nur um das lokale Geschehen im Munde, sondern auch um die Fernwirkung dieser Bakterien. Aus Platzmangel gelangen die überzähligen Bakterien über das Blut, die Sekrete und den Atem in den Körper des Menschen und setzen sich an den verschiedensten Stellen des Körpers, weitgehend geschützt im BIOFILM, fest.
Etwa 13-14 chronische lebensbedrohende Krankheiten sind die Folge!

Anämie (Balakesavan; 2013)K
Frühere Sterblichkeit (Tramini; Söder 2007 ; Ajwani)L
Chronische Nierenkrankheit (CKD) (Salimi; 2010) M
Krebs (Pankreas und Brustkrebs bei Frauen in der Menopause) (Michaud; 2007N und FreudenheimO; 2015)
Schlaganfall (Dörfer; 2004) Faktor 2,8!18 P
Herz-Kreislauferkrankungen (Persson;2003) Faktor 2!19 Q
Diabetes ( Mutschelknauß; 2000; Klinik der Parodontologie)R
Rheumatoide Arthritis (K. Albrecht; ZM; Heft 12/2015; Seite 26-28)
Frühgeburt S
Unfruchtbarkeit des Mannes und der FrauT (Klinger; J Clin Periodontol. 2011 Jun; 38(6): 542-6
Pneumonien (Eickholz; 2012)U
Infektionen an Endoprothesen (Prof.Dr. B. Rischke)
Zahnimplantate (63% Periimplantitis; Eickholz 2015)

Es geht hier um Hunderte von Millionen Euro, die das Fehlen der Dentalhygienikerin und der fehlenden Nachsorge (Recall oder UPT) der Parodontitis in Deutschland den Krankenkassenzahler kostet: viel zu viele Zähne gehen verloren und müssen aufwendig ersetzt werden. Die Kosten für die chronischen Krankheiten? Wer vermag sie zu schätzen?

b. Bakterienschwemme über Jahrzehnte:

Aus den unbehandelten Entstehungsorten der Bakterien in den Zahnfleischtaschen und später dann um die Implantate herum, überschwemmen Milliarden von Bakterien den menschlichen Körper. In Gelenken, Gefäßen und im Grunde überall finden die Bakterien Orte, wo sie bleiben können. Dann bilden sie einen sie schützenden BIOFILM. Bei Erreichen eines für sie positiven „Quorum sensing“ V beginnen sie mit ihren schädigenden Programmen. Sie produzieren für den Patienten krankmachende Gifte, sei es in der Lunge, in den Gefäßen oder den Gelenken oder irgendwo im Körper.

c. vor Ort im Munde.
Mit Hilfe des BIOFILMs schützen sich die Bakterien in den Zahnfleischtaschen:
Antibiotika? Kein Problem! Einige am Rande des BIOFILMS sterben, aber der Rest verdoppelt sich weiter. Andere Chemikalien haben auch nur oberflächlichen schädigenden Einfluss.

d. Abhilfe im oralen Bereich
Um den ständigen Bakterienstrom in den Körper des Menschen zu unterbrechen, hilft einzig das instrumentelle Reinigen der Taschen 20 durch das „scaling and root planing (SRP).

e. Wer macht es?
Das Bearbeiten der Taschen wird vom Zahnarzt oder der Dentalhygienikerin durchgeführt.
Eine Dentalhygienikerin arbeitet finanziell deutlich günstiger als der Zahnarzt.
Als speziell für die „systematische Behandlung der Parodontitis“ ausgebildete Fachkraft und ihre tägliche Konfrontation mit der subgingivalen Tasche wäre sie ein gesundheitlicher Glücksfall für die deutschen Patienten.

f. Interesse der Zahnärzte?
Nach dem BARMER Zahnreport 2017 haben 98,2 Prozent der deutschen Zahnärzte kein Interesse an der Behandlung der Parodontitis. Daher haben sie auch kein Interesse am Berufsbild der Dentalhygienikerin.
Politische Verbände der Zahnärzte, aber auch Berufspolitiker, die es besser wissen können, lehnen sie rundweg ab.
Also: Lieber zu wenig tun, als Tätigkeiten an eine dafür ausgebildete und in 23 Ländern 400 000mal vorhandene Dentalhygienikerin abgeben?

F. Warum die Dentalhygienikerin?

Sicher ist es gut und richtig, wenn der Zahnarzt in der Praxis anwesend ist, aber das Vertrauen in die Dentalhygienikerin ist groß: In Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden können sich die Dentalhygieni- kerinnen auch selbstständig machen.
Nur derjenige, der täglich mit tiefsten Zahnfleischtaschen, ihren äußerst variantenreichen Verläufen, den vielfältigen Formen der Besiedelung und der Anlagerung von Konkrementen zu tun hat, nur der kann die notwendige Routine und Sicherheit für gute Ergebnisse in einem extrem undurchsichtigen Arbeitsterrain bekommen: Die Dentalhygienikerin!
Und gerade Parodontologen verlassen sich da gerne auf ihre Dentalhygienikerinnen. Ihr Beruf ist die Mund- und Taschenreinigung und alles was medizinisch und technisch damit einhergeht.
Selbst ihr Können reicht nicht aus, jede Tasche sofort 100 prozentig sauber zu bekommen. Das geschieht dann in der sich regelmäßig wiederholenden Nachsorge (Recall und UPT).

Wenn man das in vielen anderen Ländern angestrebte Verhältnis von Dentalhygienikerinnen zur Bevölkerung des Landes von 1: 2 000 anstrebt, dann fehlen in Deutschland etwa 30 – 40 000 Dentalhygienikerinnen.
Im folgenden Schema wird aufgezeigt, wie eine wissenschaftlich basierte Behandlung einer Parodontitis durchgeführt werden sollte:

a. Prävention Vorbeugung oder Verhinderung einer Parodontitis bei einem gesunden Patienten Zahnmedizinische Prophylaxehelferin (ZMP) Zahnmedizinische Fachhelferin (ZMF)
b. Erstbehandlung jeder vom Zahnarzt erkannten Parodontitis Zahnarzt Dentalhygienikerin (DH)
c. Nachsorge (Recall oder UPT) eines an einer Parodontitis behandelten Patienten Dentalhygienikerin (DH)

G. Fazit:
Über die Jahrzehnte hat sich die kleine Gruppe der Zahnärzte kaum verändert.
Schon der Zahnarzt und Visionär A.C.Fones hat Probleme mit Kollegen bei seiner Gründung der ersten Schule für Dentalhygienikerinnen in Bridgeport. Aber im Laufe der Zeit setzte sich die Einsicht (vor allem staatlicherseits) durch, dass es volkswirschaftlich einfach zu teuer ist, die Grunderkrankung „Parodontitis“ im Munde nicht zu behandeln. Die dadurch entstehenden vielen Folgeerkrankungen verschlingen zu viel Geld. Hinzu kommen die kaum zu benennenden körperlichen und seelischen Leiden der Patienten.

Jörg Junker
www. Parodontitis-und-Recall.de
www. Parodontitis-Nachsorge.de