Warum haben wir kaum „sytematische Behandlung der Parodontopathie“ in Deutschland?

Warum setzt sich die „Systematischen Parodontitis Behandlung“ in Deutschland so schwer durch?

We prefer, not to know! (Frei nach Prof. W.; IQWIG)

Das „systematische“ einer Parodontitistherapie ist so einfach oder so schwer, wie bei  anderen chronischen Erkrankungen des Menschen.

Die „systematische Therapie einer Parodontitis“ verläuft in der Zahnmedizin in drei Phasen:

  1. erkennen/ diagnostizieren: mittels Parodontalsonde, Röntgenaufnahmen und anderen Parametern durch Zahnarzt und sein Personal (ZMP, ZMF und Dentalhygienikerin).
  2. erstbehandeln/ ev. chirurg. Maßnahmen:  Erstbehandlung durch Zahnarzt und Personal (ZMP, ZMF und Dentalhygienikerin).
  3. lebenslang behandeln: durch die Dentalhygienikerin bei der Nachsorge auch „Recall“ oder „UPT“ genannt.. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden Zahnarzt.

Zahnärztlichen Praxen in Deutschland mit  einer solchen durchgeplanten und finanziell vernünftigen Behandlung der „stillen Volkskrankheit Parodontitis“sind rar. Zu Ihnen zählen im Grunde nur die Praxen, in denen ein Zahnarzt, sein Hilfspersonal (ZMP, ZMF) und eineDentalhygienikerin ein Team bilden.

Nach der Anzahl der in Deutschland arbeitenden Dentalhygienikerinnen sind das höchstens 400 (laut BZAEK) bis weniger Praxen. Zahnärzte, die versuchen, die „Muss“-Nachsorge (Recall oder UPT) selber durch zu führen, also nicht an Dentalhygienikerinnen zu delegieren, werden scheitern. Auf Grund der allgemeinen Unkosten einer Praxis kann ein Zahnarzt die Nachsorge nicht zum gleichen Honorar wie eine Dentalhygienikerin liefern. Eine Delegation an Hilfskräfte wie ZMP ZMF oder ZFA2 in Form der „professionellen Zahn-Reinigung (PZR)“ lässt die durchgeführte und von den gesetzlichen Kassen bezahlte „Erstbehandlung“ kläglich scheitern. Die oberflächliche (supragingivale) Plaqueentfernung reicht nicht für eine lebenslange, systematische Parodontitisbehandlung (Westfelt; 1998).

Auch ist die Entfernung nur der „erreichbaren“ Beläge bei weitem nicht ausreichend.

In diesem Zusammenhang spielt auch die geringe Qualitätsanforderung an das Hilfspersonal des Zahnarztes durch die sogenannten „erreichbaren Beläge“ (Bundeszahnärztekammer) eine große Rolle. Hierdurch wird die notwendige, sehr exakt durchzuführende Tätigkeit einer Dentalhygienikerin (Entfernung des Biofilms und der Konkremente; scaling and root planing (SRP)) als eher unwichtig dargestellt. Aber im Gegenteil: das SRP wurde von dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) als wissenschaftlich anerkannte Behandlung im Vorbericht 2017 alleinig anerkannt!

Der BARMER Zahnreport 2017

Unter dem Vorstand der BARMER, Prof. Dr. Straub, wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Dresden mit Prof. Walter ein BARMER Zahnreport 2017 erstellt.

Er zeigt uns zwei Dinge:

  1. in Deutschland wird zu viel zu wenig Parodontitis von den Zahnärzten diagnostiziert: nur etwa 25,25 Prozent werden überhaupt erkannt.
  2. die „systematische Behandlung also Therapie der Parodontopathien“ existiert nahezu nicht: im Durchschnitt werden in Deutschland wenige 1,8 Prozent der erkrankten Patienten  behandelt.

Der internationale anzustrebende Standard „Anzahl der  Dentalhygienikerinnen zur Bevölkerungszahl“ ist etwa 1:2000. Demnach fehlen in Deutschland etwa 40 000 dieser Spezialistinnen. Dann stimmt die BARMER Statistik recht genau auch für die Nachsorge (Recall und UPT).

Mehr Diagnostik?

Zum Thema „Diagnostik aufwerten“ fehlt es nicht an Aufforderungen auch an die deutsche Zahnmedizin. Im November 2014 findet in Segovia, Spanien,

der 11. Europäische Workshop für Parodontologie statt. Die EFP (European Federation of Periodontology), darunter auch eine große deutschen Delegation4, hat Forderungen auch für Deutschland unterschrieben: z.B. ein flächendeckendes Screening der Parodontitis.

Das scheint in den drei Folgejahren kaum Auswirkung auf die allgemeine Diagnosefreudigkeit der deutschen Zahnärzte gehabt zu haben.

Ein Vorschlag für die KZBV: alle Zahnärzte werden aufgefordert, an einem Tag im Jahr für eine Stunde oder einen Vormittag nur Patienten zu bestellen,

bei denen sie mittels Parodontalsonde und ev. Röntgenaufnahmen den Parodontalstatus eines Patienten niederschreiben und auswerten.

Der wahre Hintergrund:

Das Hauptproblem der deutschen Zahnärzteschaft ist, dass bei der „systematischen Behandlung der Parodontopathien“ die Dentalhygienikerin eine „geschlossene Curettage“ oder das „Scaling and Root Planing (SRP)“ durchführt. Diese Behandlung gehört aber normalerweise zum Berufsbild des Zahnarztes!

Zum Beispiel erlaubt das österreichische Zahnärzte-Gesetz (ZäG, BGB I) keine „geschlossene Curettage“ durch eine andere Person als den Zahnarzt.

Das deutsche Medizingesetz ist da flexibler und erlaubt dem Zahnarzt diese für die dauerhafte Therapie der Parodontitis entscheidende Behandlung aneine entsprechend ausgebildete Person zu delegieren.

Entscheidend ist dabei, dass sich der Zahnarzt von der Eignung der Mitarbeiterin überzeugt hat und ihr die delegierte Arbeit zutraut! Das gilt auch für Mitarbeiter, die im Ausland Ihr Diplom oder Bachelor der Dentalhygiene erworben haben!

Die Delegation:

Hierzu ein Zitat aus dem „Delegationsrahmen für zahnmedizinische Fachangestellte vom 16.09. 2009“:

Das ZHG sieht in § 1 Abs. 5 und 6 vor, dass bestimmte Tätigkeiten an dafür qualifiziertes

Prophylaxe-Personal mit abgeschlossener Ausbildung wie zahnmedizinische Fachhelferin,

weitergebildete Zahnarzthelferin, Prophylaxehelferin oder Dental-Hygienikerin (im Folgenden: Mitarbeiterinnen) delegiert werden können.

  • Weiter: -ZFA, ZMP, ZMF, DH sind keine (approbierten) Heilberufe.
  •  ZMP, ZMF, DH sind keine Berufsbilder, sondern Aufstiegsfortbildungen.
  • Die Dentalhygienikerin ist ganz bewusst kein staatlich anerkannter Beruf!
  • Eine freie zahlenmäßige Entwicklung des Berufes Dentalhygienikerin rein nach dem Bedarf ist so extrem eingeschränkt.

Weltweit beweisen 25 Staaten mit 350 000 Dentalhygienikerinnen, dass es den Menschen, die diesen Beruf für sich selber in Anspruch nehmen, dauerhaft besser geht (Lindhe; Axelsson usw.).

Das funktioniert nur über eine staatliche Anerkennung dieses Berufes. Denn nur so kann sich ein so wichtiger Beruf in alle Richtungen entwickeln.

Die Substitution:

Wenn einer anderen Person vom Zahnarzt erlaubt (delegiert) wird, eine Behandlung durchzuführen, die im Grunde dem Zahnarzt vorbehalten ist, dann spricht man von Substitution.

In der regelmäßigen Nachsorge  (Recall oder UPT) tut eine Dentalhygienikerin aber exakt das Gleiche wie ein Zahnarzt bei seiner Erstbehandlung: das notwendige subgingivale Entfernen von Biofilm und Konkrementen (Scaling & Root Planing (SRP))!

  • Hier liegt der Grund für die wie in Stein gemeißelte Aussage von BZAEK und KZV: „ Delegation = ja; Substitution = nein!

Aber ohne eine Substitution der „geschlossenen Curettage“oder dem „scaling and root planing (SRP)“ an eine nach internationalem Vorbild ausgebildete Dentalhygienikerin wird die Parodontitis bei den vom BARMER Zahnreport 2017 dargestellten 1,8 Prozent Therapie bleiben. In Veröffentlichungen in Fachzeitschriften wie ZM5 oder MBZ ist bei der Behandlung der  Parodontitis nur von Zahnärzten oder ihrem Hilfspersonal (ZMP, ZMF) die Rede. Auch in dem in der MBZ 06 2017; S. 10-13 von Frau Vanessa Hönighaus angekündigten „modernen Versorgungskonzept“ gibt es keine klare Benennung der Personen/Berufe, die die Nachbehandlung (Recall oder UPT6) der deutschen Patienten vornehmen sollen.

Frage: WER soll die MILIONEN von Stunden an unseren erkrankten Patienten durchführen?

Die Zahnärzte wollen es nicht!

Das Hilfspersonal ZMP oder ZMF darf und kann es nicht!

Den einzigen nur für Behandlung der Parodontitis ausgebildeten Beruf,die Dentalhygienikerin, wollen die Zahnärzte nicht!

BZAEK und KZBV gehen von einer zukünftigen Zahnarztzahl von 90 000 im Jahre 2020 aus.  Die mit viel staatlichem Geld ausgebildeten Zahnärzte werden nicht deutlich mehr Parodontitis (statt 1,8 Prozent dann 2,3 Prozent) behandeln. Auf Grund ihrer Spezialausbildung kann eine Dentalhygienikerin mehrere  Stunden täglich tiefste Taschenbehandlungendurchführen. Ohne größere Probleme mit ihren Händen und Handgelenken zu bekommen. Einem Zahnarzt ist das nicht möglich. Er hat es nicht gelernt.

Das deutsche Gemengegelage:

Das von der Zahnärzteschaft weiter verbreitete Wort einer „stillen Volkskrankheit Parodontitis“ ist recht fragwürdig. Fast jede chronische Krankheit  ist über Jahre „still“.

Wenn sie entdeckt wird, bevor  sie größere Probleme macht, dann liegt das meist an Ärzten, die breiter „screenen“ oder auch nur einfach hinschauen!

Bei der Zahnmedizin ist das genauso: Wenn die deutschen Zahnärzte ihre Parodontalsonde deutlich regelmäßiger einsetzen würden, dann wären die diagnostischen Gegebenheiten schon mal da.

Wir Zahnärzte sollten diejenigen sein, die eine Parodontitis aus der „Stille“ befreien! Und nicht der Patient, der immer häufiger als derjenige bezeichnet wird, der diese Erkrankung vernachlässigt. (siehe auch MBZ 06 2017; S. 10-13)

Bevor ein Zahnarzt einem Patienten für extrahierte Zähne Implantate andient, wird oft eine Erstbehandlung der vorhandenen Parodontitis durchführt.

Dann aber wird die Erkrankung ihrem weiteren Verlauf oft überlassen, der „Richtlinie für die systematische Parodontitisbehandlung“ der Bundeszahnärztekammer (BZAEK) gemäß: sie bezeichnet die Nachsorge nur als „falls notwendig7: daher gibt es keinerlei Nachsorge durch eine versierte Bachelor-Dentalhygienikerin wie in verschiedenen Ländern Europas, sondern nur eine auf die Oberfläche gerichtete  (supragingivale) Plaque-Entfernung durch fortgebildete ZMP, ZMF oder ZFA.

Dass die gesetzlichen Kassen überhaupt die Erstbehandlung einer Parodontitis bezahlen, erschließt sich von daher, auf lange Sicht gesehen, nicht. Eine Erstbehandlung sollte nur dann von der gesetzlichen Kasse bezahlt werden, wenn eine echte Nachsorge durch eine Dentalhygienikerin gesichert ist. Das „Versanden lassen“ einer teuren Erstbehandlung aus Mangel an „systematischer“ Nachsorge (Recall oder UPT) ist falsch und der Patient wird getäuscht8.

Richtig ist, dass viel zu wenige Erstbehandlungen durchgeführt werden (Eickholz; schon 2011). Wenn aber der Behandler von vorneherein weiß, dass er seine Patienten in der Zukunft notwendigerweise nicht weiter optimal mittels einer Nachsorge behandeln kann oder will, dann handelt er zumindest fahrlässig. Die im Mund vorhandenen über 700 Bakterienarten (Dewshirst; 2015) mit einer 20 minütigen Verdoppelungsrate lassen eine Erstbehandlung schnell vergessen. Anders lässt sich nicht erklären, dass die Parodontitis oder Periimplantitis an Implantaten eine Quote von 63 Prozent erreicht hat!

Innerhalb der Beziehungen von Zahnarzt und der seine Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnenden Kassenzahnärztlichen Vereinigung (16 verschiedene KZV) gibt es eine nicht unwichtige Merkwürdigkeit.Zu jedem Quartalsende bekommt jeder Zahnarzt eine Statistik seiner in den drei Monaten abgerechneten Positionen. Jede einzelne seiner Leistungen wird in Beziehung (prozentual) zu seinem lokalen Umfeld, also den Kollegen um ihn herum, und auch zum Landesdurchschnitt gestellt.

Wenn ein Kollege also der Meinung ist – sei es durch eineFortbildung – ist, dass die Behandlung der Parodontopathien ein ihn interessierendes Arbeitsfeld ist und er beginnt, mehr und mehr Zahnfleischbehandlungen, also mehr Diagnosen zu stellen und dementsprechend mehr Therapien durchzuführen, dann erscheint das schnell auf seinen Quartalsabrechnungen. Und dann geschieht Merkwürdiges. Der Kollege bekommt ein Schreiben. Er wird gebeten 3 oder mehr seiner durchgeführten Parodontitisbehandlungen zu dokumentieren. Damit wird er in seine KZV bestellt. Hier darf er dann vor Kollegen darlegen, warum er mehr erkrankte Patienten behandelt, als sein Kollegen um ihn herum. Diese Dokumentation und der Termin vor Ort kosten Zeit und Geld. Dann entscheidet diese kleine Kommission, ob die Diagnosen und Therapien der einzelnen Fälle anerkannt werden. Wenn nicht (es gibt genügend Möglichkeiten), dann werden die nicht anerkannten Fälle aus der Abrechnung der KZV mit dem Zahnarzt gestrichen. Was bedeutet, dass der Zahnarzt für die Behandlung kein Geld erhält. Herr Prof. Dr. Peter Eickholz berichtet 2011 über eine Spezialistin für Parodontologie (diese Ausbildung gibt es nur in Westfalen Lippe), die vor dieKZV geladen wird. Ein Mitglied der Kommission nimmt sie beiseite und sagt:“ Müssen Sie denn Ihre Parodontalsonde in jede Zahnfleischtasche stecken? KeinWunder, dass Sie so viele Parodontitisfälle haben!“9

Und was ist das Interessanteste dabei? Diese Anträge zur Wirtschaftlichkeitsprüfung eines Zahnarztes vor seiner Kassenzahnärztlichen Vereinigung werden auch von den gesetzlichen Krankenkassen beantragt! Wie geht ein „BARMER Zahnreport 2017“ mit Anträgen zur Disziplinierung eines Zahnarztes zusammen?

Die systematische Behandlung der Parodontopathie:

Die systematische Behandlung einer Parodontitis ist im Grunde einfach. Aber durch viele, viele äußerst vernebelnde Worte werden alle Beteiligten wie Zahnärzte, Hilfspersonal und Patienten verunsichert.

Noch einmal:

  1. Eine mittlere oder schwere Parodontitis ist durch eine einmalige „Erstbehandlung“ durch den Zahnarzt und sein Hilfspersonal nicht vollständig heilbar.
  2. In regelmäßigen Abständen muss eine Behandlung durch den Zahnarzt (?) oder eine Dentalhygienikerin erfolgen( Recall oder UPT).

Auf Grund der deutlich zielgerichteren, dreijährigen Ausbildung und der tagtäglichen Wiederholung behandelt eine Dentalhygienikerin den Patienten in der Nachsorge einer Parodontitis meist effektiver als ein Zahnarzt je könnte. Warum auch nicht?

Ein Zahnarzt hat so viele Aufgabenfelder in seiner Praxis, dass er zum Wohle des Patienten auf das sich ständig wiederholende „Kratzen“ in den Zahnfleischtaschen verzichten kann und sollte.

Hinzu kommt eine leicht nachvollziehbare Rechnung:

Auf eine Praxis kommen bei regelmäßig durchgeführten Erstbehandlungen mit der durchzuführenden Nachsorge (Recall oder UPT) unglaublich viele Patienten und damit Behandlungsstunden zu, dass der Zahnarzt sie aus reinen Zeit-/Termingründen gar nicht durchführen kann! Auch ein Zahnarzt hat nur etwa 1 500 einstündige Behandlungstermine pro Jahr.

Laut KZBV werden pro Jahr nahezu eine Million Erstbehandlungen durchgeführt. Wenn  alle diese therapierten Patienten rein theoretisch zur Nachsorge (Recall, PET oder UPT) gehen würden, dann bräuchten wir nach vier Jahren zahnärztlicher Erstbehandlungen bereits nahezu 3300 Dentalhygienikerinnen.

Monate seit BeginnErstbehandlungen in Tds.Recall/UPT in Tds.Erforderliche

Behandlungs-wiederholung

bis 40% in Tds.

Benötigte Anzahl

Dentalhygienikerinnen

  6 Mon.500
12 Mon.500500200466
18 Mon.5001 000400933
24 Mon.5001 5007001 466
30 Mon.5002 0009001 933
36 Mon.5002 50011002 400
42 Mon.5003 00013002 866
48 Mon.5003 50015003 300

Tabelle : erforderliche Dentalhygieniker in 4 Jahren „Erstbehandlung“

In Deutschland werden aber bereits seit Jahren etwa 1 Million Erstbehandlungen pro Jahr durchgeführt. Dennoch wird die Zahl der über eine Fortbildung geschulten Dentalhygienikerinnen seit Jahren weit unter 1000 gehalten.

Eine staatliche anerkannten Beruf oder eine den Universitäten nahestehende Ausbildung (z.B. 180 ECTS der EU) wie in vielen Ländern Europas und der Welt will man hier nicht.10

Obwohl Dentalhygienikerinnen ihre Ausbildung privat bezahlen. Auch die Nachsorge wird international privat von den Patienten bezahlt.

Es gibt keinen Grund, die gesetzlichen Kassen mehr zu belasten!

  1. In den Nachsorgebehandlungen (Recall oder UPT) erfährt ein Parodontitispatient Jahr für Jahr oder je nach Fall auch häufiger eine erneute Erstbehandlung durch die Dentalhygienikerin! Dafür ist sie in drei Jahren ausgebildet worden. Punkt.

4. Alle Nachsorgesitzungen nach einer Erstbehandlung durch den Zahnarzt und seine Hilfspersonal dienen dazu, die trotz des deutlich verbesserten

Putzverhaltens eines Patienten die sich anlagernden, sich verhärtenden Konkremente, aber vor allem den neu entstandenen Biofilm mit seinen 700 Bakterienarten in den Resttaschen zu minimieren!

5. Durch die sorgfältige Durchführung der Nachsorge wird das „Quorum sensing“(Prof. Bonnie Basler; How Bacterias talk! You Tube) in den Bakterienansammlungen für eine gewisse Zeit gestört. Die Parodontitis verursachenden Keime (auch der „orange“ oder „rote Komplex“ genannt) drängen sich erst nach einer gewissen Zeit wieder in den Vordergrund.

6. Nur wenn es gelingt, den Biofilm mit seinen Bakterien regelmäßig zu entfernen, tritt eine Beruhigung ein. Auf Grund der anatomischen komplexen Struktur der einwurzeligen aber noch problematischer der mehrwurzeligen Zähne werden bei einer Erstbehandlung nur etwa 60 – 80 Prozent (vom Autor geschätzt!) von Biofilm und fest anhaftenden Konkrementen entfernt. Bei jeder Nachsorge (Recall, PET oder UPT) nähert sich die Zahl weiter der einhundert Prozent.

Fazit:

An einer „Systematische Behandlung der Parodontopathien“ ist in Deutschland  nur wenig „systematisch“.

Die Parodontitisbehandlung in Deutschland ist für Patienten eine nicht zu über- oder durchschaubare Ansammlung von Ausbildungen, Fortbildungen, Versprechungen, privaten Zuzahlungen. Die „systematische Nachsorge“ einer von einer gesetzlichen Krankenkasse bezahlten Erstbehandlung existiert nach internationalem Qualitätsanspruch nur in etwa 400 mit Dentalhygienikerinnen arbeitenden Praxen.

Aber es wird bei Lippenbekenntnissen bleiben. Denn es fehlt ja an den wirklichen Spezialisten für die Parodontose:

  1. Die Lehre an den Universitäten bleibt unverändert: Parodontologie wird weiter stiefmütterlich studentisch gelehrt (Eickholz; schon 2012!!).
  2. Man weigert sich einen Spezialisten für Parodontologie generell ins Leben zu rufen. Für die Kieferorthopädie haben wir das seit Jahrzehnten.
  3. Der international bewährte Beruf der Dentalhygienikerin (400 000 in 25 Ländern; siehe: www.IFDH.org) wird in Deutschland blockiert: keine staatliche Zulassung und eine sehr kontrollierte Fortbildung durch vereinzelte Kammern. So haben wir seit Jahrzenten etwa 400 bis 600 dieser Damen. Eine gewisse Anzahl dieser Damen hat                   allerdings ihre Examina im Ausland abgelegt. Gerne zählt man diesen Teil mit zu den eigenen Dentalhygienikerinnen dazu. Mir persönlich sind schon vier Dentalhygienikerinnen bekannt, die im Ausland ihr Examen abgelegt haben (zwei in der Schweiz, zwei in den USA).

In diesem Spannungsfeld wird die deutsche Zahnärzteschaft nie in der Lage sein, eine systematische, flächendeckende Parodontisbehandlung durchzuführen.

Zitat: We (would) prefer, not to know….!

16.08.2017

Tabelle: Europäische Länder: Zahl der Dentalhygienikerinnen in Relation zur Bevölkerungszahl.

Zusammengestellt aus Wikipedia, IFDH, EFP, CNSD

LänderDH

Im „IFDH“M

Einwohner

In Millionen

ZahnärzteDH

AnzahlN

Verhältnis DH zu

Einwohnern

Deutschlandja   (ca. 100)83,5      70 000 (!)5501: 151 818!
Frankreichnein66,042 602keine—————
Großbritannienja64,134 0007 0001:      9 157
Italienja59,846 0004 0001:    14 950
Spanienja46,729 00013 2001:      3 538
Estlandja1,31 250321:    40 625
Finnlandja5,44 5001 4901:      3 624!
Ungarnja9,94 9731 0001:      9 900
Irlandja4,62 2004731:      9 725
Islandja0,3269231:    14 043
Lettlandja2,01 4742191:      9 132
Litauenja3,03 6105721:      5 244
Maltaja0,4170211:    20 142
Norwegenja5,14 5769021:      5 654!
Niederlandeja16,88 7733 2001:      5 250!
Polenja38,521 8002 5001:    15 400
Portugalja10,58 1475201:    20 192
Tschechienja10,57 2818001:    13 125
Rumänienja20,014 4001001:  200 000
Slowakeija2,73 3301871:    14 438
Slowenienja2,11 358151:  140 000
Schwedenja9,67 5283 7491:      2 561!
Schweizja8,17 4001 8001:      4 500!
Österreichnein8,54 906keine————–

Literatur:

1 MBZ 06 2017;s.10-13

2 zahnmedizinische Prophylaxeassistentin (ZMP), zahnmedizinische Fachassistentin (ZMF) und die fortgebildete zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA) sind Fortbildungsangebote in Deutschland.

4 Ahrweiler, Deinzer,  Dommisch, Dörfer, Eickholz, Jepsen, Kocher, Meyer-Bäumer, Meyle, Schlagenauf, Pretzl.

5 zahnmedizinische Mitteilungen (ZM) und Mitteilungsblatt Berliner Zahnärzte (MBZ)

6 „Recall“ ist der klassische Ausdruck, der mit der Dentalhygienikerin verbunden wird. Parodontale Erhaltungstherapie ( PET) und unterstützende Parodontaltherapie (UPT) sind neuer, beinhalten aber sehr Ähnliches.

7 Um das Behandlungsergebnis zu sichern, schließen sich laut Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen 2006 wegen der Gefahr einer Reinfektion regelmäßige Untersuchungen an sowie – falls notwendig – die Wiederholung von lokalen Maßnahmen an einzelnen Parodontien.

Bundesausschuss der Zahnärzte und Krankenkassen. Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche vertragszahnärztliche Versorgung (Behandlungsrichtlinien) vom 04. Juni 2003 und vom 24. September 2003 in der ab 18. Juni 2006 gültigen Fassung Bundesanzeiger Nr. 111 vom 17. Juni 2006,

URL: http://www.kzbv.de/behandlungs-rili-060618.download.18de5c5f3b907f780818b07dcb9e4903.pdf.

8 siehe auch „Tages-Anzeiger“ Zürich vom 05.11.2013: „Was, wenn die Dentalhygiene gar keine ist!“ von Prof. Saxer.

9 Prof. Dr. Peter Eickholz; die deutsche Zahnmedizin ist nicht erstklassig-eher durchschnittlich!“ Parodontologie 2011; Seite 6

10 siehe Tabelle „Europäische Länder“

M International Federation of Dental Hygienists;

N Davon ca. 100 international anerkannte DH. Der Rest über Kammerfortbildung nur national anerkannt, aber nicht als eigenständiger Beruf.