Patientenschutz, 24. 02. 2017

Die Zähne (was sonst?), die Natur und der Mensch.

Seit langer Zeit hat der Mensch Probleme mit seinen Zähnen.

  1. Sie sind aus den härtesten Materialien (Zahnschmelz) hergestellt. Dennoch werden sie im Laufe des Lebens durch die Karies angegriffen und im Zweifelsfall zerstört.
  2. Der Mensch ist durch und durch ein Bakterienträger. (Siehe hierzu auch “Darm mit Charme” von Julia Enders). Diese Mitbewohner nützen ihm auf der einen Seite. Sie stellen z.B. für ihn notwendige Dinge her. Aber sie schaden ihm auch. Auf die Zähne bezogen: durch ihr Leben in den  verborgenen Zahntaschen und dem Selbstschutz durch den Biofilm, können sie sich meist lebenslang entwickeln und vermehren. Ein schneller Verlust der Zähne wird durch das Immunsystem verzögert. Aber dadurch haben die Bakterien durch ihre hohe Anzahl an verschiedenen Arten (706 !) und ihre schnelle Teilungsrate (im günstigen Fall alle 20 Minuten eine Verdoppelung) viel, viel Zeit im menschlichen Körper Unheil zu stiften. Wissenschaftlich nachgewiesen sind etwa vierzehn gravierende Erkrankungen.

Wenn der Mensch dann einen Großteil oder alle Zähne verloren hat, ist der Schaden im Körper meist schon etabliert. Zumindest gibt es dann keine Zahnfleischtaschen mehr, in denen der Biofilm sich wie auf Petrischalen vermehren kann. Natürlich findet man auf künstlichem Zahnersatz wie Kunstoff-Prothesen auch Keime, aber die lassen sich deutlich einfacher beherrschen.

Nun können die Zähne noch eine deutlich schwerwiegendere Erkrankung haben als die Karies. In rund 6004 Arbeiten, wie das IQWIG zuletzt feststellte, haben Wissenschaftler die Krankheit Parodontitis beschrieben, die zum Verlust der Zähne führt. Seit etwa 100 Jahren machen sich kluge und visionäre Menschen Gedanken: Wie ist das Geschehen bekämpfbar oder zumindest beherrschbar.

Selbstverständlich gibt es eine Reihe von Möglichkeiten.

Aber drei Gedanken setzen sich weltweit relativ deutlich durch. Auch wenn sie nicht durch „randomized controlled Trials (RCT)“-Arbeiten nachgewiesen werden können.

  1. Eine Reihe von Gewohnheiten des Patienten sollten mit ihm besprochen werden. Durch das Verändern dieser „Bad Habits“ und Verbessern der Mundhygiene kann er für die Zukunft seine Zahngesundheit fördern.
  2. Eine erste Behandlung der Parodontitis durch den Zahnarzt und sein Hilfspersonal ist notwendig für das Erkennen der oralen Situation. Hieraus ergibt sich eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten.
  1. Durch diese Erstbehandlung wird der Mensch die Bakterienwelt aber nicht los. Sie ist oral nur verändert und orientiert sich im Lauf der Zeit wieder in Richtung „Slime City“. Daher ist es unabdingbar, dass ein Patient mit Parodontitis regelmäßig diese Neuansätze von Taschen, Biofilm und „red komplex“-Bakterien beseitigen läßt.

Die Interessenslagen von Menschen sind ja sehr vielseitig. Sie werden von Hoffnungen und Ängsten geprägt.

Ad1. Hier wird dem Patienten Hoffnung gemacht, dass er durch eigenes Tun seine Situation verbessern kann. Es wird ihm aber auch Angst gemacht, um die Compliance (Zusammenarbeit) zwischen Arzt und Patient zu verstärken. Das ist ein altbewährtes Prinzip.

Ad 2. Da es Kostenträger gibt, die diesen Komplex bezahlen, ist es im Grunde nicht besonders schwer einen Patienten von den Maßnahmen zu überzeugen. Merkwürdigerweise kommt die quantitative Limitierung der zahnärztlichen Tätigkeit bei der Parodontitis von den Zahnärzten selbst!? Man könnte sich vorstellen, dass die interessierten Kreise die niedergelassenen Zahnärzte eher auffordern würden, mehr Behandlungen durchzuführen. Denn die Anzahl an Patienten ist unverändert hoch.

Aber die Zahl der Behandlungen bleibt konstant bei unter einer Million.

Ad 3. Durch fortgeschrittene Parodontitis verlorengegangene Zähne werden in modernen Ländern gerne durch Implantate ersetzt. Der Zahnarzt, der einen solchen Titankörper bei einem Patienten einsetzen will, macht oftmals eine Erstbehandlung. Dann sieht auch alles gut aus!

Die regelmäßige jährliche Wiedereinbestellung des Patienten zu einem subgingivalen Reinigungsprozeß durch die seit 103 Jahren bestehenden Spezialkräfte „Dentalhygienikerinnen“ wird boykottiert:

  1.  durch den Begriff „falls notwendig“in den Richtlinien wird dem Zahnarzt die falsche Hoffnung gemacht, dass der Entzündungsprozeß meist gestoppt wurde.
  2.  durch den Begriff „erreichbare Beläge“ wird dem Zahnarzt glaubhaft versichert, dass im Grunde nahezu jede Hilfskraft (ZMF; ZMP; fortgebildete ZFA) die “Unterstützende Parodontitis Therapie” oder das “Recall” sachgerecht durchführen kann.

Dieses nahezu sträfliche Vernachlässigen der zwingend notwendigen Nachbehandlung (Recall oder UPT) führt folgerichtig zu einer Periimplantitisprävalenz von 63 Prozent.

Interessierte Kreise reden dann von biologischer Komplikation!!

Interessierte Kreise verwenden in diesem Zusammenhang auch gerne das Wort vom “Patientenschutz”.

Wird durch diese Nichtbeachtung der lebenslangen Nachsorge/UPT nicht eher die freie Entfaltung der Bakterien geschützt?

Aus der MBZ 09 2015 13;Periimplantitis:;Biologische Komplikationen am Implantat von PD Dr. Jörg Neugebauer;